Brief an einen verstorbenen Freund


 

In jedem Jahr, in der Silvesternacht denke ich an einen vor vier Jahren verstorbenen Freund. An seine letzte Silvesternacht, wie er sie verbrachte, allein auf Amrum, am Ufer der Nordsee stehend und zu den Sternen blickend.

 


 

 

 

 

 

Brief an einen verstorbenen Freund

 

 

 


Lieber Jan

 

Seit wir dich vor drei Tagen besuchten, habe ich gewartet; und immer gedacht, wann es wohl sein werde, dass du gehst. Und heute morgen rief Heike nun an, schon um Acht. In der Nacht, gegen Morgen sei der Tod eingetreten, sagte sie. Genau wusste sie die Uhrzeit nicht.

 

Wieder im August. Fast dreißig Jahre sind es, dass wir uns nun kennen, dass wir einander begegneten, im August 1979. Soviele Bilder steigen auf, wenn ich jetzt an dich denke. Zurückdenke. Nach Hamburg war ich gekommen, um dort Heilpädagoge zu werden, und du warst als Zivildienstleistender gerade dort. Wohntest in der Kate und warst für den Garten des Heimes zuständig. Einladend, romantisch sah sie aus mit ihrem Reetdach zwischen den alten Bäumen im sommerlichen Grün, aber feucht war sie eben auch.

   Wie du damals den Weg entlangkamst, weiß ich heut noch. Da kommt ein Bär, dachte ich. Der wiegende Gang, die Latzhosen, der Vollbart. Und der schnellste warst du ja auch nicht. Nie eigentlich. Aber irgendwie immer authentisch in deiner Langsamkeit.

   Einmal fuhren wir zusammen in die Stadt, weißt du das noch? Ich hatte einen freien Tag, wollte Hamburg ein wenig besser kennenlernen. Und du hattest nichts vor, was solltest du auch machen im Garten bei Regenwetter. Wolltest mir das Barlachhaus zeigen, und wenn es vielleicht einmal aufhörte, zu regnen, den Jenischpark. Du warst ja in Hamburg aufgewachsen, kanntest dich aus. Da war schon September, und ständig beschlug die Windschutzscheibe meines VW-Käfers. Eine Weile sahst du das an, wie außen die Scheibenwischer hin und herfuhren und ich mir innen mit einem Schwamm die Sicht freihielt. Viel hast du ja eigentlich nie geredet. Aber diese knappen Kommentare! So treffend oft, so originell. Auch hier wieder: Das sei doch irgendwie eine Fehlkonstruktion bei diesen Autos, meintest du. Besser sollten auch innen Scheibenwischer laufen.

   Komisch, dass ich das nie vergessen habe. Die Vorstellung kam mir dann immer, wenn irgendwo Scheiben beschlugen. Automechaniker hattest du gelernt, warst ja vom Fach, hattest einen Sinn fürs Praktische, für Innovationen.

   Später, als du mir erzähltest, du habest dir ein Liegefahrrad gebaut, dachte ich: der Jan natürlich. Baut sich so ein Ding selbst. Und zu wem hätte es besser gepasst, liegend zu fahren! – Schon die Vorstellung würde mir genügt haben als Wegzehrung für unterwegs an regnerischen Tagen. Doch dann kam diese unglaubliche Geschichte dazu, dieser grandiose Zufall, den du mit Vergnügen erzähltest: dass du losfuhrst zur Jungfernfahrt an einem Wochenende mit dem neuen Rad und irgendwie über Neben- und Seitenstraßen an eine Absperrung gerietst. Deren Sinn du so schnell nicht (ein)sahst. Und da dich Gebote und Verbote stets zur Nichteinhaltung aufzurufen schienen, umfuhrst du die Sperre natürlich ebenso geschickt wie cool – und (be)fandest dich – man stelle sich das bloß vor: auf der Zielgeraden eines lokalen Radrennens! Wo Jan, der doch nie der Schnellste gewesen war, sondern eher durch Langsamkeit glänzte, unter dem Gejohle der Zuschauer auf seinem neuen Liegefahrrad, in Latzhosen und kariertem Flanellhemd total entspannt als erster die Zielline überfuhr. – Man müsste das filmen, was für eine Szene.

 

Ja, die Gesetze: Gebote und Verbote. ‚Wenn ich was muss, dann will ich schon nicht mehr.‘ Der Spruch könnte auch von dir stammen. Du lebtest völlig in einer Welt ohne Vorschriften. Ohne äußere wenigstens. Jeder soll selber wissen, was richtig ist. In jeder Situation und Lebenslage. Immer. - Dann umfährt man auch schonmal eine Absperrung und es entsteht daraus der herrlichste, auch entlarvende Witz. - Was so von innen kommen kann, das machtest du. Kompromisslos. Darauf vertrautest du. Bei Anti-Atomkraft Demonstrationen bist du mitgegangen. Bei der Besetzung der Petrikirche in Hamburg warst du als Atomkraftgegner dabei.

   Dennoch bist du nie ein Neinsager gewesen. Kein ausgesprochener Protestler. Umgestalten wolltest du, eine bessere Welt machen. Oder die Welt besser machen.

   Zehn Jahre lang führtest du damals deinen kleinen Naturkostladen in Hamburg. Ich war ja in Süddeutschland damals. Als wir einmal wieder telefonierten und ich fragte, wie es so geht im Laden und überhaupt, kam deine Antwort, wie immer eigentlich, knapp und erst nach einer kurzen Pause. Der Laden gebe ständig zu tun, meintest du. Viel Arbeit sei. - Aber du habest ja jetzt eine Freundin.

   Wie freute mich diese Nachricht, wusste ich doch, wie lange du schon eine Frau wünschtest neben dir. Sie immer erwartetest auch. Nie warst du mir als Einzelgänger erschienen. Und irgendwann musste sie ja einfach kommen. Heike kam ja dann leider erst sehr spät. – Damals aber erzähltest du so seltsam vergnügt, deine neue Freundin heiße Anna. Wie schön, dachte ich, mochte den Namen gleich. Jan und Anna, das passte doch wunderbar. Dann aber folgte lachend die Ergänzug, Anna werde nächstes Jahr neunzig.

   Anna war Kundin in deinem Laden, und du hattest ihr oft den Einkauf nachhause gebracht. Dann hatte sie dich eingeladen, zu bleiben auf einen Kaffee, ihr habt geredet und so war nach und nach diese besondere Freundschaft entstanden. Wenn du allein warst damals, Gesellschaft brauchtest, dann gingst du zu Anna. Nicht immer, aber oft. Und als du uns ein paar Jahre später besuchtest, einmal nicht mit dem Motorrad sondern erstmalig mit einem Auto, dem kleinen Seat, da hattest du ihn von dem Geld gekauft, das deine Freundin Anna dir hinterlassen hatte. Ein paar tausend Mark waren das gewesen.

 

Als ihr den Naturkostladen hattet, Christian und du, bist du sogar einer Partei beigetreten. - Jan in einer Partei! Wieder einmal hattest du mich überrascht. Mit den Grünen wolltest du die Gesellschaft verändern. Nicht nur denken, was schlecht ist und klagen, es sollte besser sein. Machen wolltest du. Verändern. Vor Ort. In Versammlungen und an Straßenständen hast du für grüne Politik geworben. Ich konnte mir das nur schwer vorstellen, habe gedacht: Mensch, der Jan ist doch kein Redner. Bei seiner Langsamkeit. Aber vielleicht sind ja die Leute zu sich gekommen durch dich. Wenn du nach Worten suchtest, wenn sie warten mussten. ‚Entschleunigung‘, das Wort gab es damals noch nicht. Aber du hast es schon gelebt.

 

   Einmal nur warst du ganz außer dir. Beim Tod deines älteren Bruders. Dass er sich das Leben genommen hatte, der Hendrik. Da kamst du und hast stockend erzählt und geweint. Und ich konnte nur zuhören. Ein paar Fragen stellen. Mit dir verstehen wollen, leiden, trauern.

   Nicht viel später starb auch Christian, dein Kompagnon im Laden. An Aids. – Das kam nicht überraschend, war aber ebenso einschneidend. Und du fandest niemanden, der seine Stelle hätte einnehmen können. Oder wollen. Die viele Arbeit im Laden tun, ohne mehr zu verdienen als das Allernötigste für den Lebensunterhalt. Ihr hattet euch jahrelang eine Wohnung geteilt.

   Und du selbst konntest dann irgendwie auch nicht mehr. Schafftest einfach immer weniger und musstest den Laden zuletzt schließen. Wusstest den Grund erst, als dein Arzt die Ursache fand.

 

„Ich hab jetzt MS“, sagtest du knapp. Wolltest keine Medikamente. Aus dem Gefühl, es sei schon richtig, die Krankheit gehöre wohl zu dir.

   Und mit einem Witzchen: „Ich bin jetzt auch reif für die Insel“, kommentiertest du deinen Umzug nach Amrum. Wohntest in Nebel. Am Sanghugwai. Hattest dort einen Job als Saisonarbeiter gefunden im Farhrradverleih.

   In den Wintermonaten war da nichts zu tun. Da hattest du frei. Und aus solch einer freien Zeit stammt das Fotoalbum, das ich so oft schon durchgeblättert habe, dass ich die Texte fast auswendig weiß. Ich hatte dich mal gefragt: ‚Jan, wie sieht es denn aus auf deiner Insel?‘ Und zu Weihnachten war dann das Album gekommen: ‚Zwei Tage im Herbst – Fotos von der Insel Amrum‘. Da war auch eine Bank fotografiert, auf der du manchmal Pause machtest, wenn du mit dem Rad unterwegs warst. Und ein Kreuz. Du schriebst, es sei das 'Böle Bonken Kreuz'.

   Im Internet fand ich, dass Böle Bonken im 19. Jahrhundert auf Amrum gelebt und dort als Lehrer gewirkt hatte. Und dass in Nebel Straßen und auch ein Platz nach ihm benannt seien.

   Auch dieses Kreuz. Und weil Böle Bonken ein Lehrer war, der damals einer ‚Verwilderung der Sitten‘ entgegenwirken wollte, war am Kreuz ein regengeschützes Holzkistchen angebracht, in dem eine Bibel lag. Kam jemand hierher, so hatte er etwas zu lesen. Du bist oft gekommen und hast hier gelesen. Und dabei ist dann einmal ein zweites Foto entstanden. An einem milden Novembernachmittag. Die tiefstehende Sonne malte einen Schatten über das Ufergras. Man sieht die Bank, das Kreuz und dich unter dem Kreuz. Neben der Bank einen Pfad, der zum Ufer führt.

 

Ein geniales Foto. An Neujahr rief ich dich an. Dankte für das Album. Meine Begeisterungsstürme, die sich immer wieder neu an diesem Selbstportrait entzündeten, wehrtest du gelassen ab.

   Und als ich fragte, wie es so gehe, erzähltest du stockend von Krankheitsschüben im Dezember. Von Gleichgewichtsproblemen und dass du ein paarmal umgekippt seiest.

   Auf meine Frage, was du gemacht habest, gestern Abend, an Silvester, erzähltest du:

   „Es ist mir ganz gut gegangen eigentlich. Auch am Abend noch. Dann denk ich immer: Es geht ja wieder besser, ich schaff das. Mindestens noch ne Weile. Und da ist mir auch diese Idee gekommen, was ich machen könnte an Mitternacht, zum Jahreswechsel. Schon am Nachmittag war der Himmel ganz klar gewesen, keine Wolken mehr. Und als das so blieb und am Abend auch noch, hab ich mich auf mein Rad gesetzt und bin den Sanghugwai entlang nach Süden gefahren. Schön langsam immer, dass ich nich irgendwo umkipp. Erst ein Stück Richtung Wittdün, die Inselstraße lang und dann am Leuchtturm vorbei zur Südspitze der Insel runter. Da war natürlich kein Mensch jetzt außer mir. Und da bin ich dann gestanden und hab zu den Sternen geguckt um Mitternacht. Und aufs Wasser, über die Nordsee. Und das war gut.“

 

*

 

Es war vielleicht dein letzter großer Blick zu den Sternen. Dann gingen sie unter. Denn schon bald im Neuen Jahr fielst du wieder um und kamst allein nicht mehr auf die Beine. Die Ärzte fanden einen Gehirntumor und versuchten eine Operation.

   Als du erwachtest, warst du allein. Allein in einem kleinen Raum. Und als eine Zeitlang – eine Ewigkeit lang – auch niemand kam, dachtest du immer mehr, man habe dich zum Sterben abgestellt in diesem Zimmer. Da wurde die Verzweiflung so groß, dass du deinem Bruder folgen wolltest, aus dem Fenster springen. Und schafftest es nicht.

 

Vor drei Tagen saß ich neben deinem Bett und erzählte dir vieles, was in diesem Brief steht. Was wir zusammen erlebt hatten. Wo wir gewesen waren. Und in mir wuchs der Zweifel, ob die Worte dich noch erreichen. Zuletzt wurde ich still. Und sagte, als die Gewissheit der Freundschaft in mir groß wurde, nur noch: „Jan, ich habe dich immer so gern gehabt.“

   Da hobst du noch einmal den Arm und nahmst meine Hand und hieltest sie lange in deinen heißen, weißen Händen.

 

Wenn ich jetzt an dich denke, dir schreibe, so ist mir, als stünde ich auf Amrum, an der Südspitze der Insel und blickte hinauf zum Himmel und über das dunkle Meer. Und wie Sterne gehen mir die Bilder deines Lebens auf und leuchten so freundlich und gut.

 

PS:

 

Mir fällt grad noch die Geschichte mit dem Biotop ein. Weißt du noch, du hattest eins eingerichtet zwischen dem Nutz- und dem Blumengarten des Kinder- und Jugendheimes? Es war ziemlich klein, die Wasserfläche maß nicht viel mehr als einen Meter und für die Ränder hattest du ein paar Teichpflanzen besorgt.

   Als du fertig warst, holtest du mich, wolltest es mir zeigen. Schon aus einiger Entfernung sahen wir jedoch, dass da etwas im Gange war. Wirklich: zwei Enten schwammen in deinem Biotop; und konnten sich dabei gerade mal umeinander drehen, so klein war dein Teich oder so groß die Enten.

   ‚Ich fass es nicht, wo kommen die denn her?‘ hast du ziemlich entgeistert und auch ärgerlich gerufen. Die bescheidene, gerade erst angelegte Bepflanzung hatten sie auch nicht gerade geschont. Ich musste lachen, so grotesk sah das aus, doch dir war natürlich eher nicht nach Lachen zumute. ‚Haut ab! Ich brauch keine Raddampfer hier.‘ hast du gerufen und die Enten weggejagt.

 

Alle die Jahre wollte ich dir erzählen, was ich über den Besuch dieser beiden Enten später gedacht habe und immer passte es irgendwie nicht oder es fiel mir gerade nicht ein. Das Bild hat mich sofort ganz seltsam angesprochen und ich habe es oft weitererzählt. Es ist doch unglaublich eigentlich, erstaunlich zumindest, wie wenig genügte, die Tiere anzulocken. Wie wenig ihnen reichte, um herzufinden, zu kommen.

   Das ist ja wie bei den Blumen auch: sobald etwas blüht, kommt ein Insekt, eine Hummel, eine Biene, ein Schmetterling.

   Und diese Bilder übertragen sich, meine ich, wie von selbst auf die Beziehung zwischen Mensch und Engel. Sie fordern das geradezu. Spielerisch fordern: sag, gibt es das? Diese Fragen interessierten dich damals auch, wir haben doch in der Kate ein paarmal darüber gesprochen. Und dazu schreibe ich dir jetzt, wieder im Blick auf die Enten und dein Biotop, den Satz: Wie kommt der Engel zum Menschen? - Durch einen einzigen Gedanken, der dem Wesen des Engels entspricht.

   Und eine Art Biotop möchte dieser Brief an dich auch sein, Jan. Für dich.

 


 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Yvonne (Montag, 31 Dezember 2012 22:14)

    Bravo!!!