Wolfgang

 

Als wir einander das erste Mal begegneten, stand er vor der Eingangstür des Heimes; es war irgendwann im Frühsommer, am ‚Tag der offenen Tür‘, ich wollte die Gelegenheit wahrnehmen, als Zivildienstleistender meine künftige Wirkensstätte ein wenig kennenzulernen. Und der erste, der mir dabei begegnete, war Wolfgang. Er wartete, wie gesagt, bei der Pforte, strahlte, als er mich kommen sah, er hatte sich vorgenommen, die Besucher zu zählen, und ich war einer der ersten. Freudeleuchtend reichte er mir die Hand, drückte die meine, deutete dann immer wieder auf den kleinen Finger seiner linken Hand; später wußte ich: ich war der fünfte Besucher gewesen. - Wolfgang hat großartig zu zählen gelernt, er hat nicht gelernt, zu rechnen. Was das bedeutet, habe ich später manchmal erfahren.

   Wie gern erinnere ich mich an jenen Kirchgang, als am Ende des Gottesdienstes, gerade während die Gemeinde den Segen empfing, Wolfgang strahlend aufstand, bereit, den Priester ebenso in die Arme zu schließen, wie dieser es gerade tat: weit breitete er die Arme aus, (wir hatten in einer der ersten Reihen Platz genommen) und die Heiterkeit, die dabei über die Gemeinde kam, war auch ein Segen, der manchen in die Woche hinaus begleitet haben mag.

 

Seitdem sind etwa dreißig Jahre vergangen. Viel ist geschehen auf der Welt, doch das Heim hat sich, wenigstens äußerlich, kaum verändert; außer vielleicht, dass es kleiner erscheint als damals, doch das liegt sicher an den Linden, die im Lauf der Jahre über seine Dächer hinauswuchsen.

   Wolfgang wohnt noch immer hier; nach der Schulzeit arbeitete er in den Werkstätten, und als das Heim für Kinder und Jugendliche ein Erwachsenenheim wurde, war auch Wolfgang erwachsen; - und ein wirklicher Meister geworden: ein Meister der Begrüßung und des Grußes.

   Geblieben ist auch seine Liebe zu den Türen, zur Pforte: wann immer das Wetter es zulässt und er nicht arbeiten muss in den Werkstätten, während der Sommerferien oder an den Wochenenden, nimmt er auch heute seinen Platz ein an der Straße, bei der Einfahrt des Heimes, unter den Linden, den weit ausladenden Ästen des Nussbaums; und wenn er des langen Stehens einmal müde ist, sitzen möchte - er ist ja inzwischen nicht mehr der Jüngste - so steht ein alter Stuhl bereit, ein Campingstuhl mit sonnegebleichter, roter Perlonschnur bezogen.

 

An diesen Stuhl angelehnt, gewissermaßen sogar geparkt, hat Wolfgang seinen Wanderstab - den Wanderstab eines Meisters. Es gibt einen solchen gewiss nicht noch einmal auf der Welt; und blass und dürr werden meine Worte sein, wie ich sie auch wählen mag, wenn ich nun versuche, von diesem in seiner Art einzigartigen Stab zu erzählen:

   Er ist so groß, wie ein Wanderstab eben sein muss; eigentlich ein ganz einfacher, schlanker Haselnussast und nicht einmal so besonders gerade gewachsen. Was ihn jedoch von jedem anderen Wanderstab unterscheidet: man kann ihn rollen. Ja, man kann ihn wahrhaftig vor sich herschieben, an seinem unteren Ende befindet sich nicht eine metallene Spitze, mit denen manche der populären Spazierstöcke ausgestattet sind, sondern eben: ein Rädchen. Wolfgang hat es am Holz befestigt, ich weiß nicht genau wie, unter anderem aber mit Isolierband. So kann man den Stab über den Boden rollen, was den immensen Vorteil hat, ihn auf ebener Strecke nicht immerfort anheben zu müssen.

Genaugenommen ist er also ein "Rollwanderstab" oder"Wanderrollstab", - was sein unteres Ende betrifft.

   An das obere nun hat Wolfgang ein Band gebunden, eine lange, feste Schnur, an welcher, den rollenden Wanderstab voran und in geringem Abstand zu ihm, zuerst ein kleiner Traktor befestigt ist; an diesem hängt ein hölzernes Wägelchen, daran ein sportliches Cabriolet - alle auch untereinander durch kleinere Stücke der Schnur verknüpft - gefolgt von einem Plastiklastauto mit Kippvorrichtung; sie bilden einen gemeinsamen Zug, dem manchmal sogar noch weitere Gefährte zugehören.

   Eine ganz lange Reihe verschiedenster Fahrzeuge begrüßen so, und Wolfgang natürlich allen voran, den Ankömmling, sie bilden ein regelrechtes Empfangskomitee, ist doch, wo möglich, jedes mit einem Fahrgast bestückt: auf dem Traktor, die Kolonne anführend, erkennt man von ferne schon die ausgeprägten Gesichtszüge einer Kasperlpuppe; hinter ihr, auf dem Anhängerchen, hockt ein roter Teddybär, und hinter diesem, im schicken Cabriolet hat (sehr passend) ein blondes Püppchen seinen Platz gefunden. Auf die übrigen Wagen verteilt folgen, nicht minder exotisch - ein Freund rheinischer Karnevalszüge hätte die größte Freude - Schmusetierchen und Knuddelpüppchen, so bunt, als seien sie aus allen Kinderstuben der Welt hierher zusammengekommen; -angeführt und geleitet von Wolfgang, und wer könnte wohl selbstverständlicher und würdevoller als er Pfeife rauchend eine weiße Kapitänsmütze tragen, mit blauem Schild und darüber einen goldenen Anker?

 

So ist mir manchmal, wenn ich im Vorübergehen seinen wohlwollenden Gruß erwidere, als begegnete ich einem in den verdienten Ruhestand eingetretenen Kapitän, vielleicht an der 'Alten Liebe' in Cuxhaven, von wo man die Frachter mit dem Wasserstrom der Elbe auf die Nordsee hinausfahren sieht, und es würde mich nicht im mindesten wundern, nähme er hinter dem Stuhl ein Akkordeon hervor, um einmal wieder, wie einst in der "Roten Laterne", zu singen: "Links um die Ecke geht's nach Ame - ri - ka..."

   Und dann braucht es auch nicht viel, um mit einem der blauen Wölkchen aus Wolfgangs Pfeife das Nebelhorn tuten zu hören unter dem weiten Himmel seiner Bilderwelt, während er mir freundlich zunickt von seinem Campingstuhl aus (hier ist er nun mal für ein Weilchen vor Anker gegangen), neben ihm, an die ziegelrote Umfassungsmauer des Grundstücks gelehnt, sein Wanderrollstab, hinter ihm, in schöner Ordnung, jene märchenhafte Prozession von Wagen und Püppchen.

 

Dann frage ich mich im stillen: Was ist das für eine Welt, die dieser alte Kapitän befuhr, wo die Begegnung, der Gruß soviel gelten, wo man zählt, aber nicht rechnet und wo auch Verschiedenes so schön verbunden sein kann.

   Wolfgang lädt ein, sie zu erwandern. - Doch ist das möglich, so ohne weiteres, mit den üblichen "Gedanken-Spazierstöcken", mit denen man für sich festen Halt sucht, mit denen man aber auch (besonders, wenn sie eine Spitze haben) tollwütige Füchse abzuwehren gedenkt? Müsste man nicht Wolfgangs Beispiel zu folgen versuchen und Rädchen anbinden am unteren Ende der Gedanken, sie werden schon irgendwie zu befestigen sein und sei es nur, um "runder" zu denken? - Bei diesen Gedanken sehe ich Wolfgang, wie er schweigsam in seinem Campingstuhl sitzt, um ihn eine Ruhe, wie sie einer hat, der alle Meere dieser Erde befuhr, alle Länder sah und nun mich mit einem wohlwollenden Nicken grüßt, die Pfeife dazu ein wenig hebend; - und ich grüße ihn, um jede Begegnung aufs Neue dankbar, zurück.

 

Wolfgang starb im Januar 2009
Wolfgang starb im Januar 2009

 

"Da offenbar nichts der Annahme entgegensteht, dass es auf den unzählbaren anderen Planeten und Sonnen gleichfalls Linien und Formen, sowie Farben gibt, mag es lobenswert sein, wenn wir eine gewisse heitere Gelassenheit bewahren im Blick auf die Möglichkeiten, unter höheren und veränderten Daseinsbedingungen zu malen; in einem Dasein, das durch ein Geschehen verändert wurde, das nicht wunderlicher und überraschender wäre als die Umwandlung der Raupe in einen Schmetterling, des Engerlings in einen Maikäfer. Dieses Dasein als Maler-Schmetterling würde als Betätigungsfeld einen der unzähligen Himmelskörper haben, die uns nach dem Tod vielleicht nicht unzugänglicher wären als in unserem irdischen Leben die schwarzen Pünktchen, die auf den Landkarten Städte und Dörfer versinnbildlichen ... Man hat angenommen, die Erde sei flach. Das war richtig, so ist es noch heute, zum Beispiel zwischen Paris und Asnières. Was indessen die Wissenschaft nicht hindert, zu beweisen, dass die Erde rund sei. Was heute niemand bestreitet. Nichtsdestotrotz glaubt man heute noch immer, das Leben sei flach und gehe von der Geburt bis zum Tode. Doch wahrscheinlich ist auch das Leben rund und weit überlegener an Ausdehnung und Fähigkeit als die Hemisphäre, die uns heute bekannt ist."

 

 Vincent van Gogh an Émile Bernard, Arles, Ende Juni 1888

 



 

aus: 'Das fliegende Postauto'