Gedanken zur Poesie 

 

Eine naturwissenschaftliche Entdeckung ist, dass Regentropfen und Schneeflocken, um sich bilden zu können, Staubpartikel benötigen, an denen sie kondensieren, kristallisieren. Die Erde ist beteiligt an einem 'Himmelsgeschehen': der das Leben ermöglichende Regen, auch in seiner winterlichen Form als Schnee, sie könnten nicht sein ohne ihre Mitwirkung. 

   Unsere täglichen Erfahrungen, innere wie äußere, scheinen solchen Stäubchen verwandt zu sein: Wir tragen sie in uns, heben sie ins Bewusstsein und damit, wie es scheint, in ein Element, wo ihnen sich angliedern kann, als dichterisches Ereignis, in einer Intuition: das Wort, der Begriff; jedoch nicht das glanzlose Alltagswort - es ist selber ein Stäubchen - vielmehr lebendige, unausdenkliche Sprache, der man anmerkt, dass sie nicht (ganz) von hier ist: sie führt Sternstille mit sich.

 

Ähnlich verhält es sich, wie ich meine, mit den Bitten, auch den unpersönlichen, die im Gebet an den Engel oder noch höher hinauf gesprochen oder gedacht werden: sie sind, - arm wie die Stäubchen der Erde - Kondensationskernen vergleichbar, ohne die es nicht regnen könnte. Ein Satz wie: 'Bittet, so wird euch gegeben' könnte durch diese einfache naturwissenschaftliche Entdeckung verständlicher werden.


 

aus: 'Wintersemester'